Zur objektiven Erfassung der individuellen arbeitsbezogenen funktionellen Leistungsfähigkeit wurden v. a. im englischsprachigen Raum Testverfahren entwickelt, die unter der Bezeichnung FCE-Systeme (functional capacity evaluation) Einzug in die medizinische Rehabilitation gefunden haben (vgl. Erbstößer et al., 2003). FCE-Systeme messen die individuelle Fähigkeit (capacity) eines Rehabilitanden, Anforderungen einer bestimmten Arbeitstätigkeit zu erfüllen und beinhalten neben standardisierten körperlich orientierten Testaufgaben auch anamnestische Erhebungen, Interviewelemente und Beobachtungen. Die möglichst realitätsgerechte Beurteilung der Arbeitsfähigkeiten von Rehabilitanden bezieht sich schwerpunktmäßig auf häufig vorkommende physische Aspekte der Arbeit (z. B. Heben, Tragen) und erfolgt über standardisierte Leistungstests.
Laut Schreiber und Mitautoren (2000) sollten FCE-Systeme nicht als alleinige Bewertung der funktionellen Leistungsfähigkeit eines Patienten angesehen werden, sondern sollten durch klinische Untersuchungen, weitere Funktionsmessungen und patientenzentrierte Variablen ergänzt werden. Auch der relativ hohe finanzielle und personelle Aufwand macht einen gezielten Einsatz erforderlich.
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (nach Isernhagen) (EFL)
(Isernhagen et al., 1999; Kaiser et al., 2000a)
Die Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit ermöglicht eine objektivierte Beurteilung der funktionellen Leistungsfähigkeit. Bei den physischen Tests wird der Rehabilitand zum einen bis zu seiner Leistungsgrenze belastet („psychophysische Tests“), zum anderen wird die maximale Leistungsfähigkeit innerhalb einer ergonomischen Testausführung ermittelt („kinesiophysische Tests“). Das EFL-Bewertungssystem beruht auf der kinesiophysischen Methodik. Die gesamte Testbatterie umfasst 29 standardisierte funktionelle Leistungstests (z. B. Heben, Tragen, Arbeiten über Kopfhöhe, Leiter steigen, Handkoordination). Die reine Testdurchführung dauert fünf bis sechs Stunden und wird auf zwei Tage aufgeteilt.
Die individuelle Belastbarkeit des Rehabilitanden in den einzelnen Tests wird in eine EFL-Tabelle eingetragen. Es wird die geschätzte Belastbarkeit während eines achtstündigen-Arbeitstags ermittelt und in ein Leistungsprofil überführt. Das Leistungsprofil wird dem arbeits- und berufsbezogenen Anforderungsprofil (der jeweiligen Arbeitsstelle des Rehabilitanden) gegenübergestellt („Job Match“), wobei Defizite und Fertigkeiten des Rehabilitanden deutlich werden. In das Anforderungsprofil können Angaben des Rehabilitanden und seines Arbeitgebers eingehen. Der Beobachtung des Rehabilitanden in der Testsituation (z. B. bzgl. des Umgangs mit Beschwerden) kommt eine wichtige Rolle zu.
Da die Bereitschaft von Rehabilitanden, sich zu belasten bzw. eine Arbeitstätigkeit aufzunehmen, auch in wesentlichem Maß von der subjektiven Leistungsfähigkeit abhängt, werden die physischen Leistungstests durch eine standardisierte Selbsteinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit (PACT-Test; Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, 1996) ergänzt. Anhand von Bildern mit typischen Arbeitssituationen soll der Rehabilitand seine Leistungsfähigkeit einschätzen. Es wird empfohlen, einen Vergleich der subjektiven Leistungsfähigkeit vor und nach den Tests mit den tatsächlichen Testergebnissen vorzunehmen, um Unter- und Überschätzungen zu erkennen. Die Testergebnisse werden in einem standardisierten Testbericht festgehalten, der auch Angaben zur Verhaltensbeobachtung umfasst.
Die Einführung der Methode und die Beteiligung an EFL-Kursen setzt den Erwerb einer Lizenz der EFL-Akademie voraus.
ERGOS®
(Kaiser et al., 2000b)
Bei Ergos® handelt es sich um einen psychophysischen Test. Zielparameter ist die maximale Leistungsfähigkeit (ohne ausdrückliche Berücksichtigung ergonomischer Aspekte). Ergos® umfasst 42 Einzeltests zu den Aspekten Kraft, Körperbeweglichkeit, Arbeitsausdauer, Arbeitsschnelligkeit und Arbeitsgenauigkeit. Es erfolgt ein Vergleich der individuellen Leistung mit einer Liste von Anforderungsprofilen verschiedener beruflicher Tätigkeiten, die im System hinterlegt sind.
Eine detaillierte Beschreibung des Verfahrens geben Kaiser und Mitarbeiter (2000b). Weitere Informationen können hier abgerufen werden.
SAPPHIRE Arbeitskapazitäten System
(Simwork Systems / Work Recovery Europe BV)
Beim SAPPHIRE Arbeitskapazitäten System handelt es sich um einen Arbeitssimulator, der die Testung des körperlichen Arbeitsvermögens eines Rehabilitanden (der „Performance“) zum Ziel hat. Die objektive Untersuchung der körperlichen Leistungsfähigkeit eines Probanden kann sich sowohl auf allgemeine Anforderungen von Arbeitsplätzen als auch auf spezifische Anforderungen bestimmter Arbeitsplätze beziehen.
In der Testung muss der Rehabilitand Leistung in Form von körperlichen Arbeitsaktivitäten erbringen. Die Durchführung besteht aus standardisierten Tests, die definierte Arbeitsaktivitäten umfassen. Die Standardisierung der Testaufgaben wird durch eine entsprechende Ausstattung (verstellbare Unterteile, Gewichts- und Höheneinstellungen) unterstützt. Die Messung erfolgt auf Funktionalitätsebene, d. h. es geht bei den Tests darum, eine Funktion zu erfüllen (z. B. Arbeiten in gebückter, hockender, kniender Haltung). Die Leistung des Probanden wird mit Kriterien (Standard-Arbeitsanforderungen bzw. die im entsprechenden Beruf benötigten Fähigkeiten) verglichen. Auch das Arbeitstempo wird in der Testung berücksichtigt (Messung der Effektivität/Produktivität). Die Schwerpunkte einzelner Untertests liegen in den Bereichen Kraft, Ausdauer und körperliche Flexibilität. Diese Aspekte werden auch in Kombination miteinander getestet. Der SAPPHIRE sollte als Teil eines umfassenden Assessment-Prozesses eingesetzt werden, in dem auch andere für die Arbeit wichtige Aspekte erfasst werden. Weiterführende Informationen zum Verfahren können hier abgerufen werden.
Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt (IMBA)
(IMBA-Projektteam, 2000)
Bei IMBA handelt es sich um ein Profilvergleichsverfahren, bei dem Fähigkeits- und Anforderungsprofile gegenübergestellt werden. IMBA ist ein Fragebogenverfahren und kann als ergänzendes System zu EFL oder Ergos® eingesetzt werden. Es erlaubt die Erstellung eines Fähigkeitsprofils und den Abgleich mit den Anforderungen am Arbeitsplatz. IMBA umfasst folgende Merkmalskomplexe: Körperhaltung, Körperfortbewegung, Körperteilbewegung, Informationsaufnahme und -abgabe, komplexe physische Merkmale, Umgebungseinflüsse, Arbeitssicherheit, Arbeitsorganisation und psychologische Merkmale. Weitere Informationen finden Sie hier.
Merkmalsprofile zur Eingliederung Leistungsgewandelter und Behinderter in Arbeit (MELBA)
(Föhres et al., 2003)
Bei MELBA handelt es sich um ein vorrangig psychologisches Erhebungsverfahren. Es basiert ebenfalls auf dem Vergleich von Fähigkeiten und Anforderungen (Profilvergleich), legt aber den Schwerpunkt auf psychologische Schlüsselqualifikationen. Weitere Informationen finden Sie hier.
Funktionsfragebogen Hannover (FFbH)
(Kohlmann & Raspe, 1996)
Der Funktionsfragebogen Hannover ist ein Selbstbeurteilungsverfahren zur Erfassung der funktionalen Kapazität bei alltäglichen Aktivitäten bei Personen mit muskuloskeletalen Erkrankungen (Rückenschmerzen, Gelenkerkrankungen, Arthrose). Es liegen verschiedene Versionen zur Erfassung funktionaler Beeinträchtigungen vor:
- FFbH-P – Polyartikuläre Gelenkerkrankung: Erfassung funktioneller Beeinträchtigungen der Hände sowie von Komplexbewegungen (z. B. bei Polyarthritis) anhand von 12 Items
- FFbH-R – Rückenschmerz: Erfassung funktioneller Beeinträchtigungen komplexer Bewegungen bei Rückenschmerzen anhand von 12 Items
- kombinierte Version (FFbH-P+R), die 18 Items umfasst
- FFbH-OA – Osteoarthrose: Erfassung funktioneller Beeinträchtigungen bei Arthrosen anhand von 18 Items
Es wird jeweils ein Gesamtindex berechnet, der die Funktionskapazität widerspiegelt.
Disabilities of the Arm, Shoulder, and Hand Questionnaire, deutsche Version (DASH)
(Germann et al., 1999, 2003)
Beim DASH handelt es sich um ein Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung von Symptomen und funktionellen Einschränkungen bei muskuloskeletalen Erkrankungen im Bereich der oberen Extremitäten. Die Originalversion des DASH wurde auf der Grundlage der ICIDH (Vorläufer der ICF) konzipiert und umfasst Items aus den Bereichen „Körperfunktionen und -strukturen“ sowie „Aktivitäten und Partizipation“.
Der DASH besteht aus 30 Items, die sich auf die Bereiche „körperliche Funktionsfähigkeit“, „Symptome“ und „soziale Partizipation“ beziehen. Die Items werden im Hinblick auf die Schwierigkeiten bei der Ausübung der jeweiligen Aktivitäten beantwortet. Es erfolgt die Berechnung eines Gesamtwerts, der den Grad der Einschränkung wiedergibt.
Beispielitems aus dem DASH
| Beispielitem | Bereich |
| Eine Einkaufstasche oder einen Aktenkoffer tragen | Körperliche Funktionsfähigkeit |
| Schmerzen in Schulter, Arm oder Hand während der Ausführung einer bestimmten Tätigkeit | Symptome |
| In welchem Ausmaß haben Ihre Schulter-, Arm- oder Handprobleme Ihre normalen sozialen Aktivitäten mit Familie, Freunden, Nachbarn oder anderen Gruppen während der vergangenen Woche beeinträchtigt? | Soziale Partizipation |
Die Kurzform QuickDASH umfasst elf Items. Bei Bedarf können zusätzlich zwei optionale Module mit jeweils vier Items eingesetzt werden; mit diesen werden Symptome bzw. funktionelle Einschränkungen bei Personen, deren Tätigkeit ein hohes Maß an Leistungsfähigkeit der oberen Extremitäten erfordert (z. B. Sportler), erfasst.
Das Instrument sowie weiterführende Informationen (auf Englisch) können hier heruntergeladen werden.
Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index, deutsche Version (WOMAC)
(Stucki et al., 1996)
Der WOMAC ist ein Selbstbeurteilungsinstrument, mit dem Symptome und funktionelle Einschränkungen bei Arthrosepatienten (Gon-, Coxarthrose) erfasst werden können. Die 24 Items des Fragebogens verteilen sich auf die Bereiche „Schmerz“, „Steifigkeit des Gelenks“, „körperliche Tätigkeit“ und beziehen sich jeweils auf das betroffene Knie bzw. die betroffene Hüfte. Es sind die Berechnung von Mittelwerten für die drei Subskalen wie auch die Ermittlung eines Globalindex möglich.
Verwendete und weiterführende Literatur zum Thema