Motivation ist die psychologische Wirkgröße, die individuelles Verhalten auf der Basis von Wünschen, Einstellungen, Werthaltungen und Bedürfnissen einer Person formt. Eine hinreichende Motivation ist die notwendige Voraussetzung, damit Menschen Vorhaben realisieren und bestimmte Dinge tun. Die Motivation, sich während der medizinischen Rehabilitation mit dem Thema Erwerbsleben auseinanderzusetzen, kann jedoch nicht immer vorausgesetzt werden, sondern sollte bei Bedarf durch Maßnahmen der Motivationsförderung gezielt geschaffen werden.
Wichtig ist es, den Rehabilitanden dort abzuholen, wo er steht, sich also bei Interventionen daran zu orientieren, inwieweit der Rehabilitand schon zu einer Auseinandersetzung mit der beruflichen Problematik bzw. entsprechenden Veränderungen bereit ist. Hierbei kann eine Orientierung an motivations- bzw. gesundheitspsychologischen Modellen sinnvoll sein (z. B. am transtheoretischen Stufenmodell von Prochaska und DiClemente; vgl. Keller, 1999; Prochaska & Velicer, 1997).
Ziel der Motivationsarbeit ist es, die Bereitschaft des Rehabilitanden zu fördern, arbeits- und berufsbezogene Fragestellungen während der Rehabilitationsmaßnahme aufzugreifen und sich mit den individuellen Bedingungen der eingeschränkten Gesundheit in Hinblick auf das Arbeits- bzw. Erwerbsleben auseinander zu setzen. Insbesondere soll auch das Interesse gefördert werden, an arbeits- und berufsbezogenen Problemen/Perspektiven unter den gegebenen Bedingungen der Auswirkungen von chronischer Erkrankung und Behinderung zu arbeiten. Rehabilitanden können so auf geplante arbeits- und berufsbezogene Maßnahmen (z. B. auf eine Belastungserprobung) vorbereitet werden, mit dem Ziel, die Compliance auf Seiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu erhöhen und damit Maßnahmenabbrüchen entgegenzuwirken. Da der Erfolg einer späteren beruflichen Eingliederung die Umsetzung von Anregungen aus der Rehabilitation durch den Rehabilitanden voraussetzt, ist auf die Motivationsförderung besonderer Wert zu legen.
Die wichtigste Methode zur Motivationsförderung ist das persönliche Gespräch. Darüber hinaus können aber auch schriftliche Materialien (z. B. Informationen im Einladungsschreiben, Fragebogen zu Therapiezielen, Fragebogen zur berufsbezogenen Behandlungsmotivation, Informationsbroschüren), Vorträge, Psychoedukation und Gruppengespräche zum Einsatz kommen.
Die Förderung der Motivation zur Auseinandersetzung mit der individuellen Berufs- und Arbeitssituation kann auch bereits im Vorfeld der Rehabilitation beginnen. Wenngleich der Schwerpunkt der Motivationsförderung zu Beginn der Rehabilitationsbehandlung liegt, sollte das Thema während der gesamten Rehabilitation präsent sein.
Möglichkeiten, die arbeits- und berufsbezogene Behandlungsmotivation zu fördern, sind beispielsweise die folgenden:
Einladungsschreiben vor Beginn der Rehabilitation. Das Einladungsschreiben für den Rehabilitanden vor Beginn der Rehabilitationsbehandlung ist so gestaltet, dass keine falschen Erwartungen an die Behandlung generiert oder unterstützt werden.
Informationen zum arbeits- und berufsbezogenen Angebot der Klinik. Informationsbroschüren zum arbeits- und berufsbezogenen Angebot der Klinik bieten dem Rehabilitanden die Möglichkeit, sich einen Überblick über die angebotenen Interventionen und die Ziele der Maßnahmen zu verschaffen. Eine entsprechende schriftliche Information dient auch dazu, „Kurerwartungen“ vorzubeugen.
Thematisierung berufsbezogener Inhalte im Aufnahmegespräch und/oder im Rahmen eines Vortrags. Dem gleichen Zweck dient die Erläuterung der Ziele der medizinischen Rehabilitation im Aufnahmegespräch oder im Rahmen eines Vortrags zu Beginn der Rehabilitation.
Konkrete arbeits- und berufsbezogene Zielformulierungen. Der Rehabilitand soll frühzeitig dazu angeregt werden, sich mit seiner Erwerbsperspektive auseinander zu setzen, Rehabilitationsziele für die individuellen arbeits- und berufsbezogenen Problemlagen zu definieren und dafür konkrete Zielformulierungen zu erarbeiten („Was möchte ich in der Reha bezogen auf mein Erwerbsleben erreichen?“). Eine solche Zielklärung kann mit Hilfe von bereits vorab versendeten Fragebögen erfolgen und/oder im Gespräch mit dem Arzt oder Therapeuten. Auch im Rahmen von Vorstellungsrunden (z. B. auf Station) können arbeits- und berufsbezogene Ziele thematisiert werden. Des Weiteren ist im Rahmen der Gespräche des Sozialdienstes oder der Psychologie eine Motivationsförderung möglich, wenn mit dem Rehabilitanden beispielsweise besprochen wird, welche (u. a. beruflichen) Ziele angestrebt werden und welche Hilfen er dabei erhalten kann.
Thematisierung von Motivation im Rahmen von psychotherapeutischen Gruppen. Auch im gruppentherapeutischen Setting wird, v. a. in der Psychosomatik und bei Abhängigkeitserkrankungen, die Motivation (auch arbeits- und berufsbezogen) thematisiert.
Partizipative Entscheidungsfindung. Im Sinne der partizipativen Entscheidungsfindung (Shared Decision Making) sollten alle Entscheidungen zu arbeits- und berufsbezogenen Maßnahmen gemeinsam getroffen werden. Es soll eine kooperative Einigung auf einen Behandlungsauftrag ermöglicht werden. Hierbei werden im Gespräch die Vorstellungen und Erwartungen des Rehabilitanden mit dem Rehabilitationsauftrag der Einrichtungen in Einklang gebracht (vgl. Neuderth, Lukasczik & Gerlich, 2010).
Thematisierung berufsbezogener Inhalte im Rahmen von nicht speziell berufsbezogenen Trainings/Schulungen und in allen therapeutischen Disziplinen. Eine Motivationsförderung kann auch über Angebote erfolgen, die nicht als spezifische arbeits- und berufsbezogene Maßnahmen durchgeführt werden. So erlauben beispielsweise Trainings zur Stressbewältigung, Kommunikation und Sozialen Kompetenz eine inhaltliche Ausgestaltung mit Berufsbezug; zum anderen ist ein Transfer der erworbenen Fertigkeiten auf den beruflichen Kontext zu erwarten.
Wenn in allen therapeutischen Disziplinen Fertigkeiten und Veränderungen des Rehabilitanden immer auch mit Blick auf den beruflichen Kontext betrachtet werden, wird die Auseinandersetzung mit berufsbezogenen Fragestellungen gefördert. Eine verstärkte Sensibilisierung im Reha-Team für arbeits- und berufsbezogene Aspekte kann erreicht werden, indem Rehabilitanden mit unklarer Motivationslage bezüglich ihrer beruflichen Perspektive in Teamsitzungen vorgestellt werden.